Masking international in Ägypten

Die letzten Jahre habe ich meine Urlaube bewusst an mein Tempo und meine Bedürfnisse angepasst. Dieses Jahr lief es ein bisschen anders. Familientreffen in Ägypten. Hier ein kleiner Bericht über die Herausforderungen und Fragen, die mir als Autistin begegnet sind.

Reize

Es ist lauter, heller, heißer. Das bedeutet auch, dass ich jeden Tag bereits mit weniger Energie starte. Wer sich mit noise-cancelling Kopfhörern bewegen möchte, erhöht neben der Schweißproduktion am Kopf auch die Chance überfahren zu werden (Hupen rettet Leben und regelt den Verkehr).

Absprachen

Zwar hatten meine Mum und ich eine separate Unterkunft in der Nähe gebucht, aber da wir nicht fürs „Touri-Programm“ da waren, war ich a) nie allein und b) von der Planung anderer abhängig. Immer wieder im „Wartemodus“: Pläne sind schwammig, Absprachen variabel, Termine inshallah 2 Stunden später oder gar nicht. Wenn ein Treffen ansteht, scheint sich auch niemand anderes für die Details zu interessieren.Vorhersehbarkeit? Fehlanzeige. Wer anwesend sein wird und wo wir sein werden, war immer wieder eine Überraschung. (Und Autist:innen lieben Überraschungen… nicht.)

Beziehungen

Ich hatte keine Ahnung, was die Erwartungen sind und war vor jedem Treffen aufs neue aufgeregt. Wird man eingeladen, weil es sich so gehört, obwohl die anderen auch müde sind? Und ist es dann unhöflich abzulehnen, weil man selbst müde ist? Darf ich Essen ablehnen, weil ich mich pflanzlich ernähre? Wird erwartet, dass ich Geschenke mitbringe? Außerdem ist man ist sich nah, obwohl man sich nicht kennt. Familie ist Familie, auch wenn es der Cousin der Schwägerin der Nachbarin ist. (überspitzt)

Kommunikation

Erste Treffen bedeuten Next-level Smalltalk.
Die Emotionen sind groß, die Stimme hochgepitched und Körperkontakt normal. Und alle haben sich wahnsinnig vermisst. Worüber man redet und was die Leute interessiert, weiß ich nicht. Welche Themen dürfen besprochen werden? Was ist zu kontrovers, wann muss ich mich verteidigen, wann einfach abnicken? Und wie viel möchte ich von mir preisgeben?
Die Strategie: beobachten und hoffen, dass jemand anderes redet.

Storytime

Ein kleines Highlight muss ich noch berichten. Wir waren abends auf einer Art Basar, der sich auf viele kleine Gassen verteilte. Es war voll, laut, chaotisch. Entsprechend war ich direkt komplett überfordert mit dem Angebot und bin den anderen nur noch hinterhergelaufen, ohne irgendetwas näher anzusehen oder zu kaufen.Irgendwann habe ich dann vorgeschlagen, dass sie mich in einem Café absetzen und mich irgendwann wieder abholen. (Bedürfnis nach Ruhe kommuniziert – check)

Leider kam das irgendwie nicht so ganz an, sondern wir gingen alle zusammen Kaffee trinken. Und nun bitte in die Situation reinfühlen: Ein arabischer Karaokesänger auf voller Lautstärke, Straßenverkäufer, die nacheinander an deinen Tisch kamen und eine absurde Kombination aus Maskottchen, die sich zur Party versammelten: Ein riesiger Teddybär, der Leute im Vorbeigehen gehauen hat, ein Panda, der von links nach rechts läuft, ein alter Mann mit HipHop-moves, ein ADHS-Stelzenläufer, der in seinem Glitzeroutfit zur Musik performed hat UND ein tanzender Gorilla. WTF 😂 Das war so wild, dass ich nur noch Lachen konnte. 

Wer ein Video sehen möchte, schaut gerne auf Instagram vorbei

Abschließende Gedanken

Dieser Urlaub war mit viel Unsicherheit verbunden. Ich habe mich deutlich mehr angepasst, als ich es inzwischen in meinem gewohnten Umfeld tue. Gleichzeitig wusste ich an vielen Stellen nicht, „wie die Maske in diesem Kontext überhaupt aussehen muss“. Ich habe nicht nur einen Meltdown unterdrückt und täglich meine Comfortzone verlassen.

Es war anstrengend, aber auch schön. Ich habe Menschen getroffen und damit auch ein bisschen mehr über mich selbst gelernt. Ich war oft genervt, aber es gab auch lustige Situationen, die Spaß gemacht haben.

Eine Frage, die mich begleitet hat war, wie ich das ausgehalten hätte, wenn ich dort aufgewachsen wäre und wie es wohl neurodivergenten Menschen geht, die genau das jeden Tag leben. Ich glaube (zumindest für mich), ist Deutschland autismus-kompatibler.

Nun brauche ich Zeit, um mich auszuruhen und zu sortieren.

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