… manchmal jedenfalls.
Kaum jemand im Internet redet über negative Seiten eines Hyperfokus. Er ist die ADHS-Superkraft: Man vertieft sich komplett im Flow und vollbringt wahre Wunder. Aber genau dieses Vertiefen und der Fokus auf nur eine Sache bedeutet im Umkehrschluss auch, dass nichts anderes währenddessen Platz findet.
So habe ich mir vorgenommen, dieses Wochenende Fotos von meinen Skills und Fidgettoys für etsy zu machen. Es ist Samstag Nacht, seit Donnerstag Nacht verwende ich meine komplette Zeit darauf. Man könnte sich jetzt denken „Cool, du nimmst dir etwas vor und ziehst es auch durch. Bestimmt bist du dabei kreativ und freust dich über die Ergebnisse.“ Jein. Ich habe über 1000 Fotos und 100 Videos produziert, mich dabei komplett in Details verloren, in jedem Raum meiner Wohnung liegen irgendwelche Dinge rum, es ist das absolute Chaos. Ich vertiefe mich verbissen in dieser Aufgabe, improvisiere irgendwelche Stative, finde keine gute Perspektive und Komposition und meine Handykamera verfälscht die Farben teilweise so krass, dass ich einfach nochmal von vorne anfangen kann, wenn ich ein Arrangement gefunden habe. Außerdem passen die Bilder nicht zusammen, was meinen Perfektionismus und mein autistisches Bedürfnis nach Struktur extrem stresst. Dauer-Anspannung statt kreativem Flow.
Ich habe kaum geschlafen, nicht geduscht, vergessen zu trinken, nicht wahrgenommen wann ich auf die Toilette muss und meine Ernährung bestand aus Dingen, die ich abends im Airfryer zubereiten konnte, Kaffee und Zigaretten. Letzteres war mehr oder weniger die einzige Unterbrechung die ich finden konnte. Während den „Pausen“ habe ich Fotos gesichtet und versucht ein paar davon auszusortieren. Irgendwann habe ich geweint, weil ich es nicht einfach gut sein lassen konnte. So lange, bis ich mich irgendwann schlafen gelegt habe.
Ich habe keinen Zeitdruck. Manche Artikel liegen schon seit einem halben Jahr rum, das hätten sie auch weiterhin tun können. Oder zumindest am nächsten Wochenende weiter machen können. Die nächste Unterbrechung habe ich gefunden, indem ich baden gegangen bin. In der Wanne habe ich zu sehr Angst, dass mir das Handy ins Wasser fällt.
Nun weine ich wieder. Warum? Weil dieser Zustand für mich unkontrollierbar ist. Und weil das ganze extrem viel Energie kostet, nur, dass ich es im Hyperfokus oft nicht merke. Und wenn ich dann kurz raus bin, merke ich meine Erschöpfung und realisiere, dass ich eigentlich Ruhe und Ordnung brauche. Dafür ist das Wochenende auch da. Neben den Dingen im Haushalt. Eben das, wofür ich unter der Woche keine Energie habe, weil ich arbeiten gehe. In anbetracht der Woche, die auf mich wartet ist es also absolut nicht clever in diesem Modus zu bleiben. Beim Gedanken an Montag graust es mir. Ein paar Basic tasks muss ich unbedingt noch erledigen. Küche aufräumen, Müll runterbringen, Grundordnung schaffen. Und Schlafen.
Wenigstens habe ich meine Aufgabe erledigt und habe schöne Fotos?
Nicht wirklich. Also ja, ein paar sind dabei. Aber ich habe nicht mal die hälfte der Artikel fotografiert und auch nur das Galeriebild für etsy, nicht mal alle, die in eine Anzeige kommen.

(Das hier ist in Ordnung. Aber das Küchenlicht um 23 Uhr ist nicht die beste Grundlage und in etsy-quadratisch passt es leider auch nicht.)
Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht einfach nicht auf. Was es mich gekostet hat (und wahrscheinlich noch kosten wird, weil ich befürchte, dass ich mich auch morgen nicht davon abhalten kann) habe ich beschrieben. Im Vergleich dazu ist meine „Ausbeute“ echt mager. Dazu kommt, dass sich das Thema ja noch nicht erledigt hat, wenn die Fotos gemacht sind. Bearbeitung, Beschreibungen schreiben, Artikel einstellen, bewerben sind die nächsten Schritte, die damit verbunden sind. Und da wundert sich wer, warum ich Dinge so lange aufschiebe.
Dieser Post ist ein weiterer Ablenkungsversuch und Ventil für meine Anspannung. Während dem schreiben merke ich nochmal, wie kaputt ich eigentlich bin, deswegen versuche ich bald zu schlafen. Drückt mir die Daumen, dass ich morgen entspannter, abgelenkter und wenn nicht, dann doch wenigstens effizienter bin.


