Es ist scheißegal, warum es dir schlecht geht!

Warum

Als Autistin mit ADHS und rezividierenden Depressionen, die in einem patriarchalen und kapitalistischen System lebt, gibt es mehr als genug Auslöser und Gründe, warum es mir schlecht gehen könnte. Ich habe mich mein Leben lang selbst analysiert, Jahre lang Therapie gemacht und komme trotzdem nicht dahinter…

Autistische Gehirne sehnen sich nach Eindeutigkeit und arbeiten lösungsorientiert. Die Gründe für deinen Zustand zu kennen KANN dabei helfen, dass es dir besser geht – vor allem dann, wenn es eine vermeintlich einfache Antwort gibt (Hast du genug geschlafen, gegessen, getrunken? Bist du überlastet? In welcher Zyklusphase bist du gerade?)

Aber ganz oft gibt es eben nicht diese einfache Antwort. Das Talent zur Mustererkennung hilft dir dabei auch nicht weiter. Dazu kommt die verzögerte Verarbeitung von Informationen, was dazu führen kann, dass der Auslöser schon Tage oder Wochen her ist und dir diese Verbindung fehlt. Meistens handelt es sich um viele verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen.

Hinter der Frage nach dem „Warum?“ verbirgt sich die Hoffnung nach Verbesserung, die dann enttäuscht wird. Wir versuchen immer wieder emotionale Probleme kognitiv zu lösen und ärgern uns darüber, dass das nicht funktioniert.
Und jetzt sage ich dir, warum es oft besser ist, die Frage nach dem „Warum?“ genau so stehenzulassen:

Sie wirft uns in eine Gedankenspirale und kann dazu führen, dass es uns noch schlechter geht. Sie verstärkt eine defizitäre Selbstbetrachtung und bringt uns oft zu dem Schluss, dass wir selbst das Problem sein müssen. Oder sie stürzt uns in eine Phase des lähmenden Weltschmerzes.

„Was?“ statt „Warum?“

Statt zu fragen, warum es dir so geht, frage dich, was dir gut tut. Jetzt im Moment oder ganz generell. Was hat dir in der Vergangenheit geholfen? Was könntest du gerade für dich tun? Was brauchst du JETZT?
Versuche, die Frage nach dem „Warum?“ wahrzunehmen und auszuhalten.
Versuche, die Gefühle, die da sind zu fühlen. Vielleicht auch, sie zu benennen. Aber nicht, sie zu unterdrücken oder aufzulösen.
Versuche zu akzeptieren, dass es gerade ist, wie es ist und dass es manchmal keine bessere Lösung gibt, als genau das zu tun.

Im Englischen gibt es den Ausdruck „to sit with your emotions“. (Wörtlich „mit deinen Emotionen zusammensitzen“) Dieses Bild mag ich ganz gerne. Dann ist heute eben ein Tag / gerade eine Phase, in der die Depression zu besuch kommt. Wenn ich die Türe verschließe, geht sie nicht weg, sondern klopft nur noch lauter. So lange, bis ich sie bemerke. Also lade ich sie ein und schaue, was ich ihr anbieten kann. Ausruhen, einen Tee trinken, Kinderfilme schauen, einfach schweigen, weinen, was auch immer… Oder, wenn wir das Bild des inneren Kindes nehmen sind: Sie möchte, dass ich mich um sie kümmere. Wenn sie die nötige Sicherheit und Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie braucht, wird sie ruhiger werden und sich besser fühlen.

Im Buch gibt es dazu mehr Gedanken und Strategien, um herauszufinden, welche Emotion dich gerade begleitet, wie du diese regulieren kannst, was deine Bedürfnisse sind, was dir guttun könnte und – worauf dieser Beitrag abzielt – was „Radikale Akzeptanz“ bedeutet…

Ironischerweise WEISS ich, dass mir das helfen würde und welche Mechanismen gerade greifen und trotzdem fällt es mir an Tagen wie heute schwer, es genau so zu nehmen und nicht zwanghaft nach einer Antwort oder einer Lösung zu suchen, um so schnell wie möglich wieder aus diesem Zustand zu kommen. Ich mache mir Druck, etwas zu verändern und trotzdem FÜHLE ich, was ich fühle.

Mit diesem Beitrag versuche ich mich daran zu erinnern, dass ich nicht immer wieder nach einer Lösung suchen muss… oder mit den Worten meiner Therapeutin: „Es ist doch scheißegal, warum es Ihnen gerade schlecht geht, darüber haben Sie schon lang genug nachgedacht!“

Nun mache ich mir einen Kaffee und setze mich zu meinem Gast.

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