Schaust du Reactionstreams oder -videos?
Ich inzwischen immer öfter. Wie ich festgestellt habe, gibt es auch auf den Streamingplattformen diese „wrapped“ Zusammenfassungen… und ich habe besorgniserregend viele Stunden Streams am Laufen gehabt.
Ich habe mich gefragt woran das liegen könnte, warum sich Menschen so etwas anschauen und ob es für mich auch einen Zusammenhang zu ADHS, vor allem aber zum Autismus gibt. Es wäre ja auch möglich, die präsentierten Inhalte in kürzerer Zeit anzusehen, die Musik ohne Kommentare gehört werden könnte…
Hypothese 1: Stimulierung
Gefühlt schon immer lief bei mir irgendwas, TV, Musik, Podcast. Ich glaube das ist u.a. eine Art von Stimulierung für mein Gehirn. Ganz selten mache ich wirklich nur eine Sache. Funfact: Der Podcaststream läuft während ich das schreibe im Hintergrund. Input und Output – parallel. Durch die Streamenden wird mir die Entscheidung abgenommen, mit welchem Thema ich mich beschäftigen möchte. Schon mal ein Vorteil, weil ich oft gar nicht weiß, auf was ich Lust habe und mich diese Entschiedungen lähmen. Außerdem gut und schlecht gleichzeitig: Es läuft nahezu durchgehend. Wie das Autoplay bei Serien, wo nach 5 Folgen mal gefragt wird, ob ich „noch da bin“ – Ja, klick – auf die nächsten 5 Folgen. So ist es beim Stream auch. Geht eine Person offline sendet sie die Zuschauenden an einen anderen Kanal weiter…
Hypothese 2: Gegen die Einsamkeit und ohne Erwartungen
Parasoziale Beziehungen sind kein neues Phänomen. Sicherlich, nimmt es durch Influencer:innen, Youtube und Twitch deutlich zu. Eine künstliche Beziehung zu Personen, die nur einen bestimmten Teil von sich selbst teilen. Einer der Vorteile. Sie bieten eine Projektionsfläche. Wir selbst können die leeren Stellen der Persönlichkeit so ausfüllen, wie wir es wünschen. Wie es zu uns passt. Gemeinsamkeiten erstellen. Gegen die Einsamkeit, ohne Erwartungen, Ansprüche und Verpflichtungen.
Hypothese 3: Coping und outsourcing von Emotionen
Ich sehe mir viele politischen Inhalte „in Begleitung“ an. Zum Einen erhalte ich so Hintergrundinformationen, die mir ermöglichen tiefer ins Thema einzusteigen. Zum anderen – und vermutlich wichtiger – ertrage ich die Welt oft nicht. Nachrichten, Talkshows und Dokumentationen im Stream zu schauen, gibt mir das Gefühl nicht alleine mit dieser Überforderung zu sein. Es hilft mir dabei irgendwie mit diesen Ereignissen umzugehen. Außerdem beobachte ich, dass dadurch meine Emotionen abgeschwächt werden. Einfach gesagt, wenn der Mensch im Laptop seine Wut rauslässt, muss ich sie nicht so sehr zulassen.
Hypothese 4: In andere Köpfe schauen
Schon immer wollte ich eine Möglichkeit wenigstens ein Mal in den Kopf von „normalen“ Menschen schauen. Quasi als Beobachterin einen Tag mitreisen oder mir das Ganze als eine Art Film anzusehen. Genau so, wie ich gerne meine Gedanken und Wahrnehmung gerne an die Wand projizieren würde. In der Hoffnung, dann verstanden zu werden. Und genau diese Thematik passt sehr gut zum Autismus. Durch Menschen, die ohne meine Reaktion ihr Inneres teilen, kann ich überprüfen, in welchen Punkten es Überschneidungen zu mir gibt und wo es Unterschiede gibt. Eine neue Möglichkeit zu lernen, wie Menschen funktionieren.
Wie heißt dieses Phänomen, dass sich Teilchen anders bewegen, sobald sie unter Beobachtung stehen? Das im Gehirn… Denn sogar, wenn es irgendwie möglich wäre, mein Bewusstsein als Beobachterin irgendwie in einen anderen Kopf zu beamen bin ich ja trotzdem dabei. Ist die Wahrnehmung dann noch dieselbe? Vermutlich wäre es so auch nicht möglich, zu spüren, wie sich andere fühlen und wie sie denken.


